Und da denkst du, welch ein Glück, dass es endlich passiert. Da wird dir erst klar, wie lange du schon nach diesem Weg ausgeguckt hast, gesucht hast. Wohin gehen, wo einbiegen, links oder rechts, vor oder zurück? Nun hast du einiges an Strecke zurück gelegt und allmählich fast dein gesamtes Leben Revue passieren lassen. Auch wenn noch nicht viel davon vorbei ist, so war dir doch nie klar warum die Dinge so liegen, wie sie sich nun mal vor dir ausbreiten. Ähnlich einem irrwitzigem Mikadospiel, bei dem du immer wissen wolltest, wie du es schaffen könntest, an den bunten Zwanzigpunkte-Stock heran zu kommen, ohne die anderen zu bewegen, möchtest du nun endlich erfahren, warum diese verfluchten Stäbchen überhaupt so wirr in der Gegend herum faulenzen. Da hat sich plötzlich die Spalte aufgetan, vor deiner Nase, am Weg zur Bildungswerkstatt, so unvorhergesehen, wie Tulpen im Jänner. Der Klimawandel ist schuld. Schuld, dass alles sich gewandelt hat, dein ganzes Leben. So als ob Vollmond alleine für dich nicht gereicht hätte. Nein, du brauchtest einen Extraschubs in die richtige Richtung. Da hast du nun endlich eingesehen, dass es egal zu sein scheint, ob Menschen die dein Leben kreuzen nun Beate, Elisabeth oder L. Freudmann hießen. Weil am Ende da stets bloß nur ein Einziger bleibt. Karl-Werner! Karl-Werner in Shorts und T-Shirt, denn die Wärme steigert sich in brütende Hitze. Und die 501'er schmiegt sich elegant an eine Treppenstufe. Stonewashed, im wahrsten Sinne des Wortes.
Only the Lonely pfeifst du vor dich hin, und wunderst dich selbst über deine Sorglosigkeit. Warum du jetzt gerade an Del Shannon denken musst, ist dir nicht ganz klar, aber wen kümmert es denn schon? Ist ja niemand in der Nähe, der dir deine Vorliebe für alte, englische Schlager vorwerfen könnte.
Immer tiefer tapst du, nur in Unterwäsche, und trotzdem wird die Hitze immer unerträglicher. Lässt dich an den heißen Sommer 2003 denken. Mann, war das ein Jahr, war das ein Sommer. Jeden Tag am Stausee, ständig unter der glühenden Sonne, wenn man die Augen geschlossen hielt, konnte man sich nach Griechenland träumen. Ans blaue Meer, an einen weißen Strand, Kieselsteinstrand versteht sich. Da war so ein Gefühl von Gelöstheit in der Luft und natürlich Julia. Julia die diese süßen Sommersprossen hatte. Julia die immer mit einem alten Strohhut im Schatten lag und die sommerbesprosste Nase tief in ein Buch steckte. Julia, die dich wirklich mochte. Was für ein Sommer! Eiskaltes Bier aus der Kühlbox und eine Partie Schwarzer Peter, wenn es zum Schwimmen zu heiß war. Julias Rücken mit Sonnenmilch eincremen und noch ein Bier…
Sie hat dich wirklich gemocht, aber mit dem Herbst zog dieses Gefühl weiter, wie die Schwalben. Richtung Süden, immer mit der Sonne mit. Und Karl-Werner war wieder Karl-Werner, nicht mehr und nicht weniger.
Gute Zeiten, Schlechte Zeiten, denkst du und bahnst dir weiter deinen Weg. Links, Links, Links herum.
Only the Lonely! Die Brille ist inzwischen gänzlich unbrauchbar und wandert deswegen, schwups, gemeinsam mit dem Shirt über Bord. Darum siehst du nicht, hörst nur, wie ein Fiepen sich langsam den Weg bahnt. Daran hättest du denken können. Im Dreiergespann hat es schließlich noch gefehlt. Genau wie Kaspar, Melchior und Balthasar die größten Taten zusammen vollbrachten, genau wie die drei Musketiere stets zusammen hielten, vom Unterbewussten hin bis zum Über-Ich, es sind doch immer drei Geister die gerufen werden. Neugierig bist du nun schon etwas. Das Fiepen kommt näher, zögerlich doch stetig und robbt schließlich ganz langsam um die Kurve. Krabbelt im Strampelanzug dahin. Genauso unbekümmert wie du deinen Weg gehst. Zielstrebig! Fast da, denkst du. Es muss so sein und du fieberst dem Moment entgegen. Wie wird er wohl sein. Der Mittelpunkt der Erde, der Ursprung allen Lebens, des Rätsels Lösung?